hier lesen, was andere gern verschweigen würden:
:
Kreiskliniken gesundreden - hat nicht geholfen

07.07.2012 Lokales Main-Taunus

Klinik ist ein sehr kranker Patient

Noch gibt es keine Therapie gegen riesige Schuldenberge und tiefe Finanzlöcher

Die Kliniken werden uns überrollen. Diese düstere Prognose war jüngst im Kreistag zu hören und zielte auf die Schwierigkeiten einer Haushaltskonsolidierung angesichts Millionen Euro verschlingender Krankenhäuser.

Von Hans Schrönghammer

 

Hofheim. Die Kliniken des Main-Taunus-Kreises stecken in der finanziellen Bredouille. Einst als "weißer Rabe" in der Krankenhaus-Landschaft gefeiert, werden zunehmend Millionen-Defizite, nun bereits im vierten Jahr, offenbar. Konkret: Es geht inzwischen um zweistellige Millionensummen pro Jahr, ganz zu schweigen von einer aufgelaufenen Schuldenlast, die längst im dreistelligen Millionenbereich angekommen ist. Nun gibt es kaum ein kommunales Krankenhaus, das nicht Schwierigkeiten hat und Zuschüsse der Träger in unterschiedlicher Höhe bedarf. Was aber die Situation in Hofheim und Bad Soden so fatal macht, ist die sprunghafte Zunahme an Hiobsbotschaften und vor allem, dass die prekäre Situation eher per Zufall enttarnt wurde.

 

Kein Aktien-Verkauf

Wie berichtet, diskutierte der Kreistag im vergangenen Jahr über einen Verkauf von Süwag-Aktien, die so rund 15 Millionen Euro wert sind. Da diese im Besitz des Main-Taunus-Kreises befindlichen Aktien aus steuerlichen Gründen bei den MTK-Kliniken "geparkt" sind, wurde so eher beiläufig erwähnt, dass man mit der Transaktion ja die Defizite bei den Klinken ausgleichen könnte. Womit der Focus auf die pekuniäre Misere bei den Kliniken gelegt war. Die Süwag-Transaktion wurde dann geschoben, zum einen, weil es ja auch ordentlich Dividenden für die Aktien gibt, zum anderen, weil eine kommunale Stromversorgung – etwa unter Federführung der Frankfurter Mainova – angedacht war. Obwohl, wie immer wieder von Kommunalpolitikern betont wird, die Süwag-Aktien gar nichts mit den Kliniken zu tun haben, musste die Kreisumlage um zwei Punkte als Stütze für die Kliniken erhöht werden, was sieben Millionen Euro in die Kasse brachte. Noch heute beklagen viele diese Verknüpfung und die Folgen, die dem Ruf der Kliniken schadeten. Allein die Beschäftigung mit dem Thema sehen viele Macher als kontraproduktiv an.

 

Deutliche Talfahrt

Es ist kaum auszumachen, warum die Schieflage der Kliniken nicht bemerkt oder nicht zur Kenntnis genommen wurde. Eine Blick in die Bilanzen hätte genügt, um die Talfahrt zu erkennen. Schon in der Bilanz von 2009 war eine abrupte Erhöhung der Defizite festgehalten, nämlich auf 6,2 Millionen Euro gegenüber 889 000 Euro im Jahr zuvor. Das "Fremdkapital" wird mit 103 Millionen Euro angegeben, ein Begriff, hinter dem sich schlichtweg die Schuldenlast verbirgt. Ein Jahr zuvor betrugen die Schulden 87 Millionen Euro. Der Kreis haftete 2009 bereits via Bürgschaften und Patronatserklärungen mit über 85 Millionen Euro für die klammen Kliniken. Die finanzielle Lage war also schon da prekär, und natürlich stehen den Aufsichtsräten auch Zahlen zur Verfügung, bevor die noch in offizielle Bilanzen gegossen werden. Warum da ein Aufschrei unterblieb und die Misere erst per Zufall aufgedeckt wurde, bleibt rätselhaft. So allein hätte man doch im Konzert klammer Kliniken gar nicht dagestanden.

Geradezu unverständlich sind die in der Bilanz 2009 festgehaltenen Prognosen für die folgenden Jahre. So heißt es da: "Für die Jahre 2010 und 2011 wird ein ausgeglichenes Jahresergebnis angestrebt." Und weiter: "Insoweit lassen sich für die Kliniken des Main-Taunus-Kreises im Rahmen ihrer gesamten Konzernstruktur nach heutigem Erkenntnisstand keine höheren Risiken erkennen." Dagegen scheinen die Kliniken nicht einmal in der Lage, den Schuldendienst zu stemmen. Eine Schuldenübernahme scheint unausweichlich und die nach dem Sommer beginnenden Beratungen zum Haushalt 2013 werden wesentlich von der Situation bei den Main-Taunus-Klinken bestimmt.

 

Verwirrende Lage

Inzwischen ist dort ein Experte am Werk, der ein neues Konzept entwickelt, dessen Auswirkungen nicht alle erfreuen wird. Angesichts der verwirrenden Gemengelage will Landrat und Kämmerer Michael Cyriax Spekulationen nicht bestätigen, dass die Kreisumlage erneut erhöht werden muss. Eine Erhöhung um einen Punkt bringt aber gerade einmal gut drei Millionen Euro, das reicht zum Ausgleich für das wachsende Defizit, aber nicht für eine Entlastung via Schuldenübernahme. Brisant: Das Personal der Kliniken wird kaum ungeschoren dabei wegkommen. Da ist es auch ein schwacher Trost, dass es den Nachbarn nicht viel besser geht. "Bei den Kliniken im Hochtaunus kommt das dicke Ende noch nach," sagt ein Insider, der nicht genannt werden will, wie mancher andere auch nicht.

Unter dem Strich bleibt festzuhalten, dass sich die erhofften kräftigen Erlöse aus den Investitionen nicht einstellten, auch nicht im privaten Sektor. Zudem wurden höchst überflüssige Einrichtungen geschaffen, wie ein mehrerer Millionen teurer Hubschrauber-Landeplatz im Bad Sodener Krankenhaus. Der sollte der Klinik die Stufe 1 in der Notfallversorgung bescheren, sieht schick aus, wird aber kaum genutzt. Wer da übrigens mit Privatisierungen liebäugelt, dürfte kaum auf Besserungen hoffen, wie der Komplex Gießen/Marburg signalisiert. Überdies ist der Neubau des Klinikums in Hofheim mit Hilfe eines Leasing-Modells ebenso umstritten, wurde aber dem Kreis vom Land aufgezwungen, das ansonsten Zuschüsse verweigert hätte. Die Raten muss der Kreis dennoch zahlen.

Noch in weiter Ferne liegen von Michael Cyriax angedachte Klinik-Fusionen, obwohl Kooperationen vermehrt angegangen werden sollen. Man kann nicht in jedem Hause alles anbieten, ist da zu hören. Die städtischen Kliniken in Höchst liegen gerade sechs Kilometer entfernt, die Stadt Frankfurt investiert über 100 Millionen Euro in Neubauten.

Der Austausch zwischen weit auseinander liegenden Häusern scheint eher weniger realistisch, würde zudem eine Art Tourismus im Kampf um die Patienten nach sich ziehen nach dem Motto: "Gibst Du mir Dein Herz, kriegst Du meine Lunge."

 

LESERMEINUNG
Kliniken wurden
gesund geredet

Zu ,Klinik ist ein sehr
kranker Patient" (Kreisblatt
7.Juli) schrieb uns
ein Politiker der Linken:


Nichts ist unwirksamer, als
Schwerkranke gesund zu
reden, die Symptome der
Krankheit zu ignorieren, den
Verlauf der Krankheit mit
immer neuen aber ungeeigneten
Mitteln zu behandeln
und die Kontrolle über den
Krankheitsverlauf den Beerdigungsinstituten
zu überlassen.
Dies gilt nicht weniger
für die Kliniken selbst.
Noch am 19. 9.11- noch
keinJahr her - verkündet der
Obergrüne Kündiger im
Kreistag:,Beim Vergleich
mit anderen Kliniken stehen
die MTK-Kliniken glänzend
da." (HKvom 20. 9.ll).
Oder der damalige Außichsratsvorsitzende
der Kliniken,
Landrat Gall - der erzählte
der Öffentlichkeit was vom
,weißen Raben" Kreiskliniken.
Immer weiter die
Symptome und Ursachen der
Situation der Kreiskliniken
ignorieren, war die Devise,
obwohl bekannt und bereis
vom Top-Berater McKinsey
Ec Company imJahr 2006
belegt: ,Selbst weitere Verbesserungen
helfen nicht, die
grundsätzliche Unterfinanzierung
des deuschen
Gesundheitssystems zu
beseitigen."
Das konnte man nicht
hören wollen, wenn man
Kommunalpolitiker mit
SPD-, GRÜNEN-, FDP- oder
CDU-Parteibuch ist. Denn
dann muss man sich anhören
dass die eigene Partei
diese Unterfinanzierung im
Bundestag ja beschlossen
hatte.
Da folgt man doch lieber
den Sirenengesängen der
Geschäftsführer der Kliniken:
Neue Geschäftsfelder,
Privatkunden mit Hotelangeboten
und vor allem
'Wettbewerb gegen den Rest
der regionalen Kliniken, die
aber genau nach gleichem
Rezept ihre Probleme angehen
wollten. Wen wundert's,
dass der Markt nicht
groß genug ist. Vie Geld verbrannt
- aber keine Besserung.
Man nennt das ,die Mittel
haben noch nicht gegriffen".
Und die Klinikkontrolleure
des Kreistags im
Aufsichtsrat können oder
wollen es nicht begreifen.
'Wieder und wieder werden
die ungeeigneten Mittel zur
,besseren Aufstellung der
Kliniken" durchgewunken.
Sei es aus Parteidisziplin
oder aus einfacher Unfähigkeit,
da ja die Aufsichtsratsmandate
nach Parteiproporz
besetzt werden. Die Wählergemeinschaft
die Linke war
nicht darunter; die durfte
nicht, weil sie keine Fraktion
werden durfte. Aber das
nebenbei.
Was bleibt? Schulden, die
dem Steuerzahler aufgebürdet
werden, noch mehr
Schulden und noch weniger
Leistungen. Und die Beschäftigten
dürfen es ausbaden.
Neue Rettungs-Devise:
,Mit weniger Beschäftigten
mehr Leistung."
Wie immer in diesem Staat.


Carlo Graf
Hattersheim


Veröffentlicht von carlo (carlo) am 11 Jul 2012
Zuletzt geändert am: 12 Jul 2012 um 7:43 AM


Zurück

labournet.tv

Neues Deutschland

Junge Welt

linkszeitung

Unsere Zeit

Konkret

Linke Zeitung

scharf links

Prager Frühling

Direkte Aktion - anarchosyndikalistische Zeitung

wir sind die roten ...